B i B e Z -

Ganzheitliches Bildungs- und Beratungszentrum zur Förderung und
Integration behinderter/chronisch erkrankter Frauen und Mädchen e.V.



Aus unserem Bildband. Anette vor einem Spiegel

Fotoausstellung "Geschlecht: Behindert - Merkmal: Frau"


Die Idee zu dieser Fotoausstellung entstand während der Vorbereitungen zu einer Tagung für körperbehinderte Frauen zu dem Thema "Selbstbild, Fremdbild, Sexualität und Partnerschaft", welche im August 1992 im Bad Dürkheim/Pfalz stattfand.

Im Zuge der Vorbereitungen sahen wir uns konfrontiert mit unseren eigenen Vorurteilen uns selbst gegenüber.
Durch wen und als wen definieren wir uns selbst? Wer und was sind unsere eigentlichen "FeindInnen"? Staat, Gesellschaft, Rollstuhl, Krücken, Blindheit, Abhängigkeit, Scham, Machtpostionen? Oder/und am Ende sogar wir selbst?

Allmählich kristallisierten sich Ebenen bzw. Anhaltspunkte heraus.


Von uns wird von einer Querschnittslähmung gesprochen, von einer Rollstuhlfahrerin, von einer Polyradiculitis.
Wir sind zuerst einmal ein Ding. Verdinglicht bewältigen wir unseren Alltag und sollen uns selbst als Subjekt akzeptieren und mögen!

Als weiteres erhalten wir zur Krönung noch die Bezeichnung "behindert", was natürlich durch einen Artikel "der/die" präzisiert werden kann. Dennoch wird schon hier der Scheinwerfer der Aufmerksamkeit eher auf "behindert" gerichtet, als auf unser Geschlecht.
Wie sollen wir den Scheinwerfer auf unser Geschlecht werfen, wenn "es" oft durch "behindert" neutralisiert wird und wir infolge dessen keine Kompetenzen bzw.Ressourcen auf dem Gebiet besitzen. Für uns impliziert dieses Wort, "ein Leben als Neutrum" zu führen.

Die Fragen, die dann folgen müssen, sind:


Wie sollen wir unsere Ausstrahlung uns selbst gegenüber erklären? Haben wir eine? Hat der Rollstuhl eine? Sollen wir uns damit zufrieden geben, der Spezies "Mensch" zugeordnet zu werden? Oder wollen/können wir auch als Frau mit "so irgendwas" unterhalb des Kopfes gesehen werden?

Erotik und erotische Ausstrahlung ist für viele von uns ein Fremdwort, da wir ja nur das wahrnehmen können, was wir zunächst im Alltag erfahren.
Was ist an uns, dass der umstrittene §218 für uns keine Gültigkeit besitzt, insofern als dass uns eine Abtreibung immer nahegelegt wird?
Wir sind der Meinung, dass Frauen selbstbestimmt entscheiden sollen, ob sie ein Kind austragen möchten oder nicht! Aber eben dieses Recht wird uns von Seiten der ÄrztInnen oft abgesprochen. Uns wird eingeredet, wir können keine "guten" Mütter sein und unsere Kinder erführen seelischen Schaden an ihren nicht "intakten" Müttern.
So sind wir bezüglich unseres Selbstverständnisses, unserer wertschätzenden Haltung und in unserem Selbstvertrauen uns selbst gegenüber stellenweise orientierungslos und schlichtweg behindert.

Zum damaligen Zeitpunkt erlebten wir wieder, dass auch Frau-Sein nicht vor Diskriminierung schützt.


In Heidelberg wurde eine Kunstausstellung über "Selbstbilder" von Frauen organisiert. Drei Fotos aus unserer Kollektion wurden für diese Ausstellung durch eine freie Jury ausgewählt.
Das Ende dieser Ausstellung stellte eine Preisverleihung für die drei besten Werke dar. Da dort sehr gute Kunstwerke von Frauen zu finden waren, die es auf jeden Fall verdienten, prämiert zu werden, erhofften wir uns keinen Preis. Wir erhielten auch keinen. Dennoch gab allein unsere Anwesenheit der Galaristin den Anstoß, uns vor allen hervorzuheben. "Wir haben uns lange überlegt, den Rollstuhlfahrern einen Preis zu geben und fanden, dass sie, die Bilder, eine ganz andere THEMATIK, sozusagen eine Sonderthematik darstellen!"
Für uns stellten sich die Fragen: "Welche Art der Darstellung enthüllt mehr Selbstbild, als Frauen auf Fotographien?", "Sind Rollstuhlfahrerinnen keine Frauen?" "Sind wir 'Sonderfrauen mit Sonderdiskriminierung?'"

Bei der Sichtung der Literatur für die Tagung fielen uns etliche Bilder über die Sexualität behinderter Frauen in die Hände.

Also planten wir unseren Fotonachmittag,...


...stülpten uns die Wahrnehmung von Nichtbehinderten über und wollten das fotographieren, was wir an uns gar nicht mochten. Damals waren wir uns nicht im Klaren darüber, dass wir unseren Körper aus der selben Perspektive betrachten, aus der uns auch nichtbehinderte Menschen betrachten. Wir gingen auf die Suche nach unseren Defekten und Defiziten.
Diese waren sehr schnell gefunden und nach ein paar geschossenen Bildern völlig uninteressant geworden, denn diese Sicht kannten wir gut. Wir entwickelten eine ganz eigene Dynamik in diesen Stunden und fanden plötzlich eine andere Position, sowohl körperlich, als auch in unseren Köpfen.

Wir fanden uns schön, erotisch, normal, möglich und durchliefen Phasen der Angst, Unbehagen, Spannung, von Verwunderung über uns selbst bis hin zur eigenen Bewunderung.

Entscheidend an diesem Tag allerdings war, dass wir uns erlaubten, die "nichtbehinderte" Perspektive zu verlassen und eine Haltung von Wertschätzung uns gegenüber einzunehmen, die uns dazu veranlasste, unsere "inneren FeindInnen" ein Stück zur Haustüre zu begleiten.
Wir hofften, dass wir mit anderen Haltungen auch bei nichtbehinderten Menschen auf andere Haltungen treffen können. Wir wollten mit unseren Bildern bewußt eine Auseinandersetzung auf diesem Wege provozieren.

Damit haben wir unsere Verantwortlichkeit für einen Prozeß zum Tragen gebracht, der da sagt:
Mit der Diskriminierung von Menschen können wir uns nicht einverstanden fühlen und lehnen die Desintegration behinderter Menschen, insbesondere der von uns Frauen ab und wollen zumindest momentan diese Alternative bieten, um einen kleinen Schritt in die konstruktive Richtung zu schreiten!

Wir wünschen uns und Euch beeindruckende Erlebnisse und Gefühle,kreative Ideen/Gedanken und die Realisierung von anderen Haltungen.




Die finanziellen Erträge aus der Fotoausstellung kommen unserer Institution zugute. Mit dem BiBeZ haben wir eine Institution für behinderte/ chronsich erkrankte Frauen und Mädchen geschaffen, in der betroffene Frauen und Mädchen persönliche Unterstützung und Beratung zu aktuellen Lebensfragen bzw. Lebenskrisen, sowie in rechtlichen und sozialen Angelegenheiten erhalten können.